Fokus Sammlung: Erico Schommer & Levent Pinarci

3. Dezember 2015 bis 17. Januar 2016

Hyperrealistische Ansichten und sehnsuchtsvolle Landschaften, phantastisch und mithin von fast triefender Symbolik. Viele der Bilder von Erico Schommer (1943 bis 1985) erinnen an Plattencover aus den Siebzigern. Sie zeugen von einer Zeit, als manches am Aufbrechen war, schildern die atomare Katastrophe und phantasieren eine neue, mytische Weltordnung. Auch dreissig Jahre nach ihrem Entstehen vermögen die Bilder von Erico Schommer zu faszinieren. Wer war der Outsider, der an der Ennetbadener Limmatau lebte und die Welt mit nur 43 Jahren viel zu früh verliess?

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Die Ausstellung zeigt Arbeiten aus dem Fundus der städtischen Sammlung, Leihgaben aus dem Aargauer Kunsthaus und aus Privatbesitz. Sie folgt keiner zeitlichen Chronologie, will vielmehr als stimmige Installation den lange vergessenen Künstler in seiner ganzen Vielfalt in den Vordergrund rücken. Ergänzend entwickelt der junge Künstler Levent Pinarci (geb. 1987) über die gesamte Dauer der Ausstellung hinweg ein interventionistisches Projekt, das kurz vor Ausstellungsende in einer Performance seinen Abschluss finden wird (Mittwoch 13. Januar).

Der Badener Künstler begann mit kleinen surrealistischen Bildern, die er bei Gelegenheit in der Kornhaus-Galerie oder im einen oder anderen Café in der Stadt Baden ausstellte. Die Beeinflussung durch Salvador Dali bezeichnete die mit technischer Raffinesse gemalten Bildwelten. Auf Anraten von Heiry Widmer, dem Direktor des Aargauer Kunsthauses, wandte er sich dem damals angesagten Fotorealismus zu, vom dem er sich aber bald wieder distanzierte. Feine Irritationen, verwirrende und bedrohliche Details durchziehen die in fotorealistischer Perfektion gemalte Welt. Durch die Verfremdung der scheinbaren Idylle der Fotografie zeigen die Werke Schommers in der Synthese von Surrealismus und Fotorealismus eine Welt, die aus den Fugen gerät.

Erico Schommer hatte Anfang der 70er Jahre einen fulminanten Start. 1942 in Fleurier im Kanton Neuenburg geboren, absolvierte er zunächst eine Lehre als Maschinenzeichner und arbeitete bei der BBC. Im Zuge einer Reorganisation wurde seine Abteilung aufgehoben, worauf Schommer die Gelegenheit nutzte, um sich seiner eigentlichen Leidenschaft zu widmen. Schon früh zu Malerei und Zeichnung hingezogen – er hatte während einiger Zeit die Bieler Kunstgewerbeschule besucht – gab Schommer seinen Beruf auf und konzentrierte sich auf seine Malerei. Vom Kanton Aargau hatte er bald ein Werkjahr zugesprochen bekommen, ausserdem von der Eidgenossenschaft ein Kunststipendium. 1973 war er gleich an mehreren Ausstellungen beteiligt. Im Aargauer Kunsthaus wurden seine Werke im Kreise international bekannter Realisten und Fotorealisten an der Ausstellung «Formen des Realismus» gezeigt. In Zürich war er an der ersten Biennale der Schweizer Kunst unter dem Titel «Stadt in der Schweiz» im Kunsthaus vertreten.

Erico Schommmers Bilder wurden mit der Zeit allerdings immer rätselhafter. Abfallberge füllten die Strassen der Badener Altstadt, glühend heiss zerschmolzen die Geländer der Halde, kleine Vulkane wuchsen aus der Strassenpflästerung, stille Landschaften verwandelten sich in Höllen. «[S]eltsame Zeichen erhoffter, befürchteter oder geträumter Transzendenz» rüttelten an den Fundamenten einer zu wanken beginnenden Welt. «Wir haben die bösen Mächte längst nicht mehr unter Kontrolle», wird Schommer in der Ennetbadener Post zitiert. Mit der Atombombe sei der Tod zum schaltbaren Plural gemacht worden. Schommer kehrte dieser durch Kriege, Tod und Gewalt gezeichneten Welt den Rücken und auch aus dem Kunstbetrieb zog er sich zurück. Durch seinen absonderlichen Habitus geriet er zunehmend ins gesellschaftliche Abseits. Im Alter von 43 Jahren starb Schommer im Februar 1985. (Fabian Frei)

Als der junge Künstler Levent Pinarci auf die Welt kam, war Erico Schommer bereits vier Jahre tot. Als Mitarbeiter des Kunstraumes kam der 1989 Geborene mit Schommers Werk in Berührung und war sogleich fasziniert. Der Aufforderung, künstlerisch auf die Ausstellung zu reagieren, kam er mit zwei präzisen Setzungen nach: das blaue Hoodie auf der Heizung stammt aus seiner Hand, ebenso die Bild-Text Collage hinter Glas neben dem Fenster. Zum Hoodie schreibt der junge Künstler: «Ich habe den Hoodie zum Trocknen auf die Heizung gelegt. Ich verstehe dieses Readymade als radikale Gegenposition zu den realistischen Malereien in diesem Teil der Ausstellung. Die banale Realität auf den Strassen soll in den Kunstraum gelangen und dort - genau so wie bei den Bildern Schommers - ein Unbehagen gegenüber ebendieser Banalität des Alltäglichen symbolisieren.» Die Text-Bild Collage basiert auf dem Archiveintrag zu einem Bild, das – da leider unauffindbar – nicht in der Ausstellung ist. Es zeigt einen stürzenden Motorradfahrer, einen Verkehrsunfall also, und trägt den wunderlichen Titel «Der Glückspilz». In seinem Text versucht Levent Pinarci, die Geschichte des verunfallten Motorradfahrers weiterzuerzählen. Er beschreibt eine Nahtoderfahrung, eine Art Vision. Damit rückt er einen Umstand in den Fokus, der auch heute noch an Schommer fasziniert: sein Interesse und seine Fähigkeit, Fantasie und Realität miteinander zu verquicken, Risse im Gefüge der Normalität aufzuzeigen. Das Erstaunliche ist, dass dieses Bruchlinien subkutan auch in denjenigen Bildern spürbar werden, die scheinbar ganz der Realität verpflichtet sind.

Die Ausstellung ist der Auftakt zu einer Veranstaltungsreihe, welche nach 2011 zum zweiten Mal die städtische Kunstsammlung in den Fokus nimmt und dank einem Beitrag der Ortsbürgergemeinde möglich wird. Sie umfasst neben Ausstellung und Rahmenprogramm im Kunstraum ab Januar 2016 auch einzelne Führungen und Veranstaltungen im Stadthaus. Die aktuellen Angebote finden Sie auf unserer Website www.kunstraum.baden.ag.ch oder im elektronischen Newsletter, den wir regelmässig versenden. (Anmeldung Newsletter: kunstraumNULL@baden.ag.ch)

Erico Schommer (geb. 1943 in Fuerier / NE – gestorben 1985 in Ennetbaden).
Levent Pinarci (geb. 1989 in Aarau)

Vernissage Donnerstag, 3. Dezember 18 Uhr
Begrüssung Dr phil. I Gabriele Stemmer Obrist, Ortsbürgergemeinde Baden 18.30 Uhr
Einführung Claudia Spinelli, Leiterin Kunstraum Baden
Konzert Ensemble Tzara Freitag 11. Dezember, 20 Uhr / mehr dazu: www.ensembletzara.ch
Gastspiel Eingangsirrtum Mittwoch 16. Dezember, 20 Uhr / mehr dazu: www.eingangsirrtum.ch
Kunst über Mittag Donnerstag 17. Dezember 12.30 Uhr
Kunst über Mittag Freitag 15. Januar 12.30 Uhr   
Podium und Performance Mittwoch 13. Januar 19 Uhr 
Sabine Altorfer, Kulturredaktorin AZ, unterhält sich mit Zeitzeugen über die Badener Subszenen 19 bis 20 Uhr
Performance Levent Pinarci 20 Uhr